
Geschichten aus dem Orchideenwald
Was ist das Netzblatt? Wenn Sie jetzt an eine neue Fußballzeitschrift denken, liegen Sie leider nicht richtig. Das Netzblatt ist eine zarte weißblühende Orchidee – die einzige immergrüne heimische Pflanzenart der Orchideen. Ihr Name leitet sich von dem kontrastreichen Netzmuster auf ihre Blattoberseiten ab. Das Kriechende Netzblatt vermehrt sich hauptsächlich über oberirdische Sporssausläufer. Die Orchidee ist in Deutschland geschützt.
Ihr Lebensraum sind lichte Kiefernwälder, besonders so genannte Schneeheide-Kiefernwälder, die auf den kalkreichen Schottern der von Alpenflüssen durchzogenen Gletscherablagerungen verbreitet sind. So einen Lebensraum bietet das Natura 2000-Gebiet „Wiedergeltinger Wäldchen“.
Im Mittelalter wurde das Gebiet als Viehweide genutzt und war daher nur schütter bewaldet. Durch die Beweidung entwickelte sich eine sehr artenreiche halboffene Waldlandschaft. Viele seltene Orchideen, wie der Frauenschuh konnten sich dort ansiedeln und eine vielfältige und bunte Tierwelt entwickelte sich. Vor etwa zweihundert Jahren wurde die Allmendweide aufgeteilt, die Beweidung dann Mitte des 20. Jahrhunderts aufgegeben. Der Wald zerfiel in kleine, oft nur eine halbe Baumlänge breite Eigentumsstreifen, auf denen sich dichter Gehölzbestand entwickelte oder mit Fichte aufgeforstet wurde. Dennoch gibt es noch zahlreiche Orchideen, darunter das Netzblatt, weshalb das Wäldchen ein europäisches Schutzgebiet wurde.
Viele seltene Pflanzen und Tiere zeugen von seiner wandelnden Geschichte seit den Eiszeiten. Die Nutzung von Fegsand und Räucherholz sind Beispiele für die Bedeutung des Wäldchens im bäuerlichen Leben. Damit diese lebendige Vergangenheit uns auch für die Zukunft klug berät, richtet der Landschaftspflegeverband Unterallgäu eine Geschichtswerkstatt ein. Dort sollen Erlebnisse, Entdeckungen und Geschichten von den Einheimischen aus der, in den Kartenwerken noch „Viehweid“ genannten Landschaft erzählt und dokumentiert werden. Alle Dorfbewohner – ob jung, ob alt - sind aufgerufen, sich über die Bedeutung des Wäldchens auszutauschen. Damit möchte der Landschaftspflegeverband das Bewusstsein für das Wäldchen aufleben lassen und für eine Waldbewirtschaftung werben, die die Lebensbedingungen und den Lebensrhythmus der für unsere Gegend einmaligen Tier- und Pflanzenwelt mit einer nachhaltigen Holznutzung in Einklang bringt. In der „Werkstatt“ soll außerdem ein Riesen-Holzpuzzle in Form eines Netz-Blattes entstehen, das als Symbol für die ökologische Vernetzung im Wiedergeltinger Wäldchen im Landkreis auf Reisen geht.
Der LPV pflegt einzelne Waldparzellen, berät und unterstützt die Gemeinde und andere Waldbesitzer bei der naturverträglichen und orchideenfreundlichen Nutzung und Pflege ihrer Waldparzellen. Die Maßnahmen des LPV werden daran ausgerichtet, in der Krautschicht halbschattige Verhältnisse zu bekommen. Zu dicht stehende Fichten werden geplentert, Kiefern von bedrängenden Fichten befreit. Mit dem Dickichtmesser am Freischneider werden größere Lücken in die Strauchschicht geschnitten. Neben ausreichend Licht brauchen die Orchideen und andere Vertreter der Kalk-Halbtrockenrasen auch günstige Keimungsbedingungen, wofür die in Jahren angehäufte Bodenauflage aus abgestorbenen Pflanzenteilen herausgerecht wird. Damit eine solche Ansammlung gar nicht erst wieder stattfindet, werden die so hergerichteten Lichtungen gemäht, wodurch die verlorengegangene Pflegeleistung des Weideviehs ersetzt wird.
Mehr Informationen und Kontakt
Landschaftspflegeverband Unterallgäu e.V.
Jens Franke
Hallstadtstraße 1
87719 Mindelheim
Tel: 08261/7590-05
E-Mail: Lpv-unterallgäu@gmx.de
